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Ab in den Untergrund
An diesem wurden wir via Handy schon um 9 Uhr geweckt. Den mittlerweile zum Alltag werdenden morgendlichen Ablauf brachten wir ohne besondere Vorkommnisse hinter uns und machten uns auf zu unserem zweiten Kirchenbesuch, den der Andreaskriche (Андріївська церква). Im idyllischen Altstadtambiente des Andreassteigs (Андріївський узвіз), in dem schon früher die Künstler Kiews ihre Ateliers hatten, stachen die goldleuchtenden Kirchtürmchen hervor - ein durchaus gewagter Widerspruch zu der am unteren Teil des Gotteshauses befindlichen Baustelle. Die Kirche war aufgrund dieser nicht nur für die Gläubigen sondern auch für uns einfache Touristen geschlossen. Was soll's!
Wir schlenderten die gepflasterte Straße hinunter, vorbei an unzähligen auf dem Gehweg positionierten Souvenirläden, die ihren Anspruch auf Besonderheit mit Relikten aus der Vergangenheit gerecht zu werden versuchten. Neben Produkten (scheinbar) ukrainischer Tradition erspähten wir Stahlhelme, Propagangdablätter, Karten und Orden mit dem unverkennbaren Symbol des Dritten Reiches auf den kleinen Tischen der Händler.
Trotz des reichhaltigen Angebots hielten wir uns zurück und wagten uns, eine Treppe zu einem auf einer Anhöhe gelegenen Platz hinaufzusteigen. Diese kunstvoll aus Holz und Stahl gebaute Treppe hat wohl schon seit langem keinen Besuch der Bauaufsicht mehr bekommen - wie auch immer, die Dinge sind hier weitaus robuster, als es der Anschein zu Weilen vermitteln mag. Und so erklommen wir die Stufen wagemütig, obschon das eine oder andere Knacken - man sollte eher brechen sprechen - und fehlende Geländerstreben höflichst zur Umkehr aufforderte. Zum Glück entlohnte uns die Anstrengung mit einem Panorama, dass zum digitalen Festhalten einlud. Kiews Stadtbild präsentierte sich wie bereits am Vortag abwechslungsreich.
In Vorbereitung auf den kommenden Tag besichtigten wir das Tschernobyl-Museum. Der Kauf der Tickets und der Ausleih des nicht-analogen Audioführers liefen problemlos in Englisch ab. Alles in allem ein aufschlussreicher Rundgang mit ausführlichen Beschreibungen durch unseren handlichen tatsächlich deutsch sprechenden Begleiter - der Akzent und die besondere Grammatik trugen gut zur Gesamtstimmung des Museums bei. Erstaunlich war auch die ausgefeilte mechanische Darstellung der Informationen. Es müssen eben nicht immer Computeranimationen und Videos sein, ein detailliertes Modell des Kernenergiewerkes und eine Spiegelprojektion - wahrscheinlich selbst noch aus den Tagen des Zwischenfalls - des Unfallablaufs sind aufschlussreich und geben einen guten Überblick. An dieser Stellen sollte das äußerst höfliche Museumswachpersonal nicht unerwähnt bleiben, das einem hartnäckig auf russisch oder ukrainisch klar zu verstehen gibt, dass die Bedienung der Modelle explizit nicht in den Aufgabenbereich des Besuchers fällt - jedenfalls haben wir das nach minutenlangen Monologs der älteren Museumsdame so interpretiert.
Nachdem wir den kleinen Ausflug in die Vergangenheit beendet hatten, aßen wir zur Mittags- oder vielmehr zur Kaffeezeit „typische" ukrainische Pizza und typischen ukrainischen Kuchen (für nur 5 Eurocent) und beobachteten dabei, wie eine Schaffnerin vergebens durch Heben und Senken des Stromabnehmers versuchte, ihre aus Sowjetzeiten stammende Straßenbahn wieder zum Fahren zu bewegen.
Um unsere Mobilität in Kiew zu erhöhen, begaben wir uns erstmal auf den Weg zur U-Bahn - nächstes Ziel: der botanische Garten an der Universität. Nach Verständigungsschwierigkeiten am Schalter nutzen wir erfolgreich einen der Automaten, der allerdings ebenso wenig auf Englisch informierte wie das hübsche Fahrkartenfräulein. Auch wenn die einzelnen Stationen nur auf Schildern mit kyrillischer Schrift ausgezeichnet sind, fällt es nach etwas Orientierung leicht, die Station zu finden, bei der man aus- oder umsteigen muss. Nicht unbedingt leicht war das Einsteigen in die eigentliche Untergrundbahn, jedenfalls zu der Zeit als wir fahren wollten - war sie doch mit Menschen voll gestopft. So etwas hat zu weilen auch seine gute Seite, denn ein sich im Intimabstand aufhaltendes Mädchen bemerkte, dass wir Deutsche sind und sprach uns sogleich an. Das kleine, nette Gespräch hielt bis zur Station „Universität". Wir erfuhren, dass sie eine Ukrainerin ist, die in Stuttgart studiert - offenbar konnte sie deswegen so gut Deutsch. Ein ähnliches Erlebnis hatten wir übrigens bereits gestern, als urplötzlich ein Mann vor uns stand und uns fragte, ob wir Informatikstudenten aus Deutschland seien? (Erkennt man Deutsche eigentlich immer gleich - man fällt ja bekanntermaßen durch positives oder negatives Handeln auf …)
Zum Abschluss unserer Tagestour wollten wir den botanischen Garten beschauen. Nachdem wir ein stinkendes Toilettenhäuschen wahrgenommen hatten und einen in das Naturbild „perfekt" eingearbeiteten, eckigen Teich aus Beton in russisch-blau bestaunen konnten, verließen wir den Park. Später - aus einiger Entfernung betrachtend - erkannten wir dann doch noch große Gewächshäuser, die, den amerikanischen Wolkenkratzern gleichend, in den Himmel ragten. Offenbar waren wir doch nicht im botanischen Garten.
Auf unserem Rückweg wollten wir schnell ein paar Lebensmittel für unser Nudelgericht besorgen. Da ich ohne die obligatorische Jagdwurst nicht auskomme, suchten wir lange nach einem passenden Supermarkt. Dazu muss man sagen, dass es große Supermärkte in Kiew kaum gibt, dafür aber kleine „Lädchen", die zu 25% Nahrungsmittel und zu 75% Spirituosen anbieten. Die angebotenen 25% unterscheiden sich dann von Geschäft zu Geschäft, sodass es ein Weilchen dauern kann, bis man fündig wird. So war es dann auch bei uns. Schließlich kauften wir dann sechs 1l-Wasserflaschen und 1,5kg Salz für umgerechnet 30Eurocent und eine kleine Schinkenwurst für 5,10 Euro. Im Allgemeinen ist es in Kiew so, dass selbst hergestellte Waren beim Bäcker oder in den Märkten sehr preiswert sind. Dagegen sind Importwaren an unser Preisniveau in Deutschland angepasst, Preise der Fleisch- und Käsewaren liegen allerdings im exorbitanten Bereich. Möchte man also gut und dennoch billig in Kiew leben, sollte man sich der ukrainischen Spezialitäten bedienen und gleichzeitig seinen Fleischkonsum senken.
Ronny
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