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08.09.2010 - Auf der Suche nach der „Карта Київ" (Kiewkarte) …
Am dritten Tage in der Hauptstadt - nun gut erholt - hatten wir uns vorgenommen, mit einem sorgfältig ausgewählten Kulturprogramm zu starten. Mit Kameras, Objektiven, Stativen und Pfefferspray ausgestattet, verschwanden wir im morgendlichen Trubel Kiews. Die Autos, die am Vorabend übrigens alle von ihren Stammplätzen verschwunden waren (warum nur?), parkten nun bereits wieder nach ukrainischer Art auf den Bürgersteigen und in allen möglichen Stellungen auf und an den Straßen. Auch die Polizei zeigte bereits wieder Präsenz, was kaum zu überhören bzw. zu übersehen war. Mit ungefähr 30 verschiedenen Sirenenarten , eigenartigen, verstärkten Geräuschen aus den Lautsprechern und einem kurz aufleuchtendem Blaulicht verschaffen sich die Herren in Blau, Grün und Schwarz … (einheitliche Uniformen, Automarken oder gar Lackierungen für Beamte sucht man vergebens) einen äußerst praktischen Verkehrsvorteil, wenn es um das „legale" Überfahren roter Ampeln oder das Vorfahrtnehmen geht.
Bevor wir jedoch die, aus dem Reiseführer ausgewählten Sehenswürdigkeiten bestaunen konnten, mussten wir zunächst eine Stadtkarte von Kiew besorgen. Leichter gedacht, als getan … Zwar ein Buchladen, der mit Kartenmaterial warb und sich gleich um die Ecke befand, schien auf den ersten Blick für das Besorgen eines Stadtplanes prädestiniert zu sein. Doch wie man uns dort freundlich erklärte, hätte man zwar viele Karten, jedoch keine von Kiew. Dafür müssten wir uns nur fünf Minuten in Richtung Norden bewegen und würden dort in einem anderen Geschäft fündig werden. Dass man uns an die Konkurrenz verwies, waren wir aus Deutschland gar nicht gewohnt. :-)Leider wurden aus den fünf Minuten dann letztendlich noch eineinhalb Stunden, bis wir nach mehrmaligen Abschreiten verschiedener Paradestraßen auf einen Kiosk stießen, an dem man uns mit einem Stadtplan versorgen konnte - nachdem eine Oma ein sehr wichtiges Gespräch mit der Verkäuferin geführt hatte, welches auch nur 15 bis 20 Minuten in Anspruch nahm ;-) ... Nun hatten wir es also „schon" bewältigt, am Vortag Geld umzutauschen, einzukaufen und heute einen Stadtplan zu erwerben - und das alles ohne Russisch in einem Land, in dem man anscheinend aus Prinzip kein Englisch verstehen will - mit einigen Ausnahmen.
Sich mit der neuen russischen Navigationsapparatur orientierend - Handykarten gibt es übrigens nicht, dafür sorgt der KGB - konnten wir also unsere „Sightseeing-Tour" durch Kiew beginnen. Als erstes stand da die Sophienkathedrale (Софійський собор) auf dem Plan. Mit ihren goldenen Kuppeln stach sie schon von weitem aus dem Dunst der Großstadt hervor. Das Gelände der Kathedrale betritt man durch ein großes Tor, über dem ein imposanter Glockenturm erbaut wurde. Sobald wir den Eingang passiert hatten, befanden wir uns in einer kleinen Oase inmitten des hektischen urbanen Treibens Kiews. Ein schöner Park, die Kathedrale, die Residenz des Metropoliten, sowie den Glockenturm kann man dort besichtigen. Wir kraxelten diesen hinauf und konnten eine herrliche Aussicht genießen. Danach verweilten wir noch im Park und konnten zwischen fremdartigem Vogelgezwitscher und monotonem Großstadttaubengurren einen ukrainischen Barden beim Spielen auf seiner Bandura beobachten.
Nun ging es weiter in Richtung des berühmten Platzes der Unabhängigkeit, dem „Majdan Nezaležnosti" (Майдан Незалежності). Wo früher einst Stalin eisern thronte, ist heute ein großer Platz der Moderne zu bestaunen. Von großem nationalem Stolz der Ukrainer zeugt hier das erst 2001 fertiggestellte „Monument der Unabhängigkeit", für das der ausgediente, granitene Lenin den „Sockel" räumen musste. Das ehemalige Hotel „Moskau" glänzt heute mit der prunkvollen Aufschrift „Hotel Ukrajina". Einzig und allein das „Haus der Gewerkschaften" versprüht noch ein wenig sowjetischen Charme. Auf und um den gesamten Platz herrscht hektisches Treiben - es scheint, als würde die allgegenwärtige Rastlosigkeit Kiews hier ihren Höhepunkt finden. Doch trotz des nach unserem Leben trachtenden Verkehrs auf den umliegenden Straßen, suchten wir lange nach einer Möglichkeit, diese unbeschadet zu überqueren. Stattdessen wurde der gesamte Platz mit einem „Untergeschoss" versehen, von dem aus wir durch große Tunnel auf die anderen Straßenseiten gelangen konnten. Im Zentrum des unterirdischen Systems trifft man auf ein ganz anderes Kiew. Stößt man „oben" eher auf kleine Geschäfte, Restaurants und Cafés mit sehr moderaten Preisen, hat sich hier die Mittel- und Oberschicht ihr kleines „Refugium" geschaffen. Neben Modeboutiquen und Parfümerien mit exorbitanten Preisen, sind dort auch Läden mit dem ausschließlichen Angebot an überteuerten Sonnenbrillen, Edelsteinen und anderen (lebenswichtigen?) Luxusgütern eingerichtet.
Wieder an der Oberfläche angelangt, konnten wir noch kurz den Klavierklängen aus dem Konservatorium lauschen und machten uns dann auf den Weg durch einen Park auf eine Anhöhe, von der aus wir die imposanten Ausmaße Kiews erneut bestaunen konnten. Inmitten eines einem Amphitheater ähnelndem Platzes ragte ein riesiger, metallener Bogen - der „Bogen der Völkerfreundschaft"- in die Höhe, unter dem uns ein Relikt sowjetischer Baukunst begrüßte: zwei Soldaten, heldenhaft eine Flagge in die Höh' haltend. Daneben waren in den Fels einige betagte, bärtige Männer eingehauen, die wir als Kosaken aus der Zeit der „Kiewer Rus" identifizierten - für die richtige Einordnung übernehmen wir natürlich keine Gewähr. Dieser eindrucksvolle Anblick zwingt einem schon Ehrfurcht auf! ;-) Weiter genossen wir die Aussicht auf den „Dnepr" (Днепр), dem Fluss (samt weißsandigem Strandufer), der die gesamte Stadt in zwei große geografische Lager teilt. Der Kontrastreichtum - die „sehr gut Betuchten" neben den am Existenzminimum lebenden Menschen; Luxusläden und Nobelboutiquen gegenüber von einfachen Billigmärkten, die rostigen Autos längst vergangener Zeiten neben einer Reihe verschiedenster Luxusautos, wie man sie in Deutschland selten sieht - spiegelte sich auch in der Silhouette von Kiew wider: So blickten wir auf die typischen Gebilde einer Großstadt, den Wohngebieten, dem Altstadtkern oder auch der Hafengegend. Neben den heruntergekommenen Uhrzeitbauten blitzen dann die goldenen Kuppeln der unzähligen Klöster und Kirchen auf, und es stach uns ein großes, zentral gelegenes Energiekraftwerk ins Auge …
Nachdem wir ungefähr fünf Stunden unterwegs waren, fanden wir den Rückweg zur Unterkunft mit unserem superfunktionalen Navigationsapparat sehr schnell. Im Apartment angekommen, freuten wir uns, endlich unsere Münder füllen zu können. Es sollte Eierkuchen mit Apfelmus geben. Apfelmus scheint es allerdings in Kiew nicht zu geben - weder in den Alkoven der Supermärkte, noch in den überall verstreuten Tante-Emma-Läden. Ronny begann mit den obligatorischen Vorbereitungen zum komplexen Vorgang der Eierkuchenzubereitung und musste dabei feststellen, dass das gestern gekaufte Mehl eine feinkrümlige statt der üblichen fein staubigen Konsistenz aufwies. Es war Soda, wie wir nach Prüfung der kyrillischen Zeichen auf der Verpackung herausfanden. Leicht gereizt kaufte Maxx rasch echtes Mehl, und nach halbstündigem Braten konnten wir die Spezialität nach Art „Ronny" genießen - ein wenig Heimat im neuen Osten.
Maximilian Heinrichs
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