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Abreise in Deutschland
Um 14:26 Uhr fuhren wir mit unserem Gepäck am Stendaler Hauptbahnhof mit einem IC relativ pünktlich ab. Nach kurzer Fahrt nach Berlin und einem kleinen, fast schweißtreibendem Fußmarsch waren wir dann ca. 15:45 Uhr am zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) - genügend Zeit also, um bis zur geplanten Busabfahrt um 17:35 Uhr noch einmal die Taschen zu kontrollieren und etwas zu essen. Als wir dann um 17.00 Uhr einen Auflauf von russisch sprechenden Menschen sahen, gesellten wir uns zu diesem und wurden auch schon bald in ein Gespräch verwickelt, welches sich für später bezüglich des Dolmetschens noch als sehr nützlich erweisen würde.
Doch bis zur Abfahrt des Busses sollte noch einige Zeit verstreichen. Nachdem sich die Anzeigetafel bereits auf „unbestimmte Verspätung" eingestellt hatte, fuhr der bereits sehr gut besetzte Reisebus dann schließlich 19.30 Uhr mit nur zwei Stunden Verspätung ein. Schon stiegen auch schon einige Reisende , sowie ein sehr temperamentvoller Busfahrer, aus. Es folgten aufgeregte Rufe, und die Frau, welche sich noch vor ein paar Minuten sehr freundlich mit uns unterhalten hatte, schimpfte in hartem Tonfall auf Russisch, woraufhin der Busfahrer nicht weniger gereizt reagierte. Eine nette Dame übersetze uns, dass sich die mittlerweile zwei Busfahrer über das Gepäck der Reisenden ärgerten. Sie wollten nicht einsehen, warum manche Leute - wie wir auch - mehr als nur ein Gepäckstück mitzunehmen hatten. Auf der Internetseite jedoch stand, dass die Mitnahme eines zweiten Gepäckstückes für eine Gebühr von 5,00 Euro erlaubt sei. Nach langem „Tetrisspielen" mit den Koffern und Rucksäcken schafften die beiden Fahrer es dann doch, alles unterzubekommen und wir konnten losfahren. Im Bus eingestiegen waren allerdings auf den ersten Blick keine Plätze mehr frei, doch das interessierte die Fahrer recht wenig und es ging los. Ronny und Steffen bekamen dann doch noch vorne zwei Plätze, die eigentlich für das Privatgepäck der Busfahrer vorgesehen waren und ich durfte mich nach ganz hinten in die letzte Reihe zwischen zwei recht „platzeinnehmenden", jedoch sehr netten Ukrainerinnen quetschen. Nun also begann der ganze Spaß! Man muss dazu sagen, dass der „Reisebus" eigentlich gar keiner war - jedenfalls nicht vorgesehen für solch lange Strecken. Mit solch einem Bus fährt man in der Regel mal mit der Klasse nach Berlin, das war's dann aber auch schon. Der Platz zum Vordersitz war so großzügig bemessen, dass meine Oberschenkel einfach zu lang waren. Dazu kam, dass ich die Beine auch nicht seitlich stellen konnte, da ich ja in der Mitte saß. Der Vordermann wollte schlafen und stellte zu guter Letzt seine Lehne ganz nach hinten, sodass ich meine Beine nur noch angewinkelt nach oben stellen konnte. Beste Voraussetzungen für eine lustige Fahrt ins Kosakenreich. In dieser Sitzhaltung konnte ich dann zwei bis drei Stunden ausharren. Dann folgte der Wechsel auf den Fußboden: dieser erwies sich als um einiges bequemer, als akrobatische Position auf dem Sitz, sodass ich den Großteil der Fahrt liegend auf dem Gang des Busses zwischen den Beinen der Reisenden verbrachte. Das sorgte für allgemeine Heiterkeit, besonders als mir eine weiße Ledertasche auf den Kopf fiel. Ronny und Steffen erging es auch nicht anders. Also eines wissen wir jetzt schon - nie wieder mit einem Bus gen Osten! Doch die Busreise hatte natürlich auch ihre positiven Seiten und schon jetzt kann man über die Fahrt lachen. So lernten wir schnell die ukrainische Mentalität kennen. Ständig wurde mir „gute deutsche Brot" und „schöne Wodka" angeboten und man lachte viel. Irgendwann dann zu viel. So nett auch alle waren, nach 20 Stunden Busfahrt, nervte die extreme Lautstärke - jeder wollte der Lauteste sein - und man wünschte sich einfach nur noch, dass der Bus endlich in Kiew ankommen möge. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg und einige nennenswerte Dinge sind passiert. So war es auch völlig normal, dass jeder Ukrainer gebratene Hähnchen, Tomaten, Gurken, Zwiebeln, gekochte Kartoffeln, kleine Gewürz-Streuer, Eier und vieles andere dabei hatte. Alles in Tüten und nochmals Tüten, mit deren Inhalt sich also ganze Menüs zaubern ließen. So roch der Bus schon bald nach einem Restaurant. Außerdem schienen die Ukrainer ein ganz anderes Verständnis vom „Handgepäck" zu haben, als wir. Als wäre es nicht schon eng genug gewesen, mussten viele scheinbar ihren ganzen Hausrat im Bus verteilen. Hinten stand im Gang ein riesiger Pappkarton mit Kleidern, mehrere Bilderrahmen lehnten an den Sitzen, Kuscheltiere fanden in den eigentlich für das Handgepäck vorgesehenen Ablageflächen Platz und unter Ronnys Sitz stand eine extrem schwere, große Tasche, die scheinbar gar keinem gehörte wollte - was da wohl drin war … Als wir dann in der Nacht durch Polen fuhren, war es uns auf einmal nicht gestattet bei einem Halt den Bus zu verlassen. Wir wunderten uns, erkannten jedoch bald, was es mit diesem seltsamen Stopp auf sich hatte: So wurden vom Bus große, schwere Kisten in einen dort wartenden, silbernen Mercedes verladen - jetzt war uns auch klar, warum sich die Busfahrer so über das Gepäck aufgeregt hatten und einige Passagiere ihres in Deutschland lassen mussten. Ganz klar, die Schmuggelware geht natürlich vor … Doch die Kuriositäten gingen weiter. Kurz vor der ukrainischen Grenze stand ein Ukrainer im Bus auf und sammelte von jedem 5 Euro ein, die dann dem Busfahrer übergeben wurden. Diese sollten für einen reibungslosen Ablauf beim Zoll sorgen - eine leise hauchende Stimme aus dem Himmel ertönte und es klang fast wie „Bestechung". Aber nach der Fahrt hört man ja so einiges ... Mit den insgesamt rund 250 Euro verschwand der Fahrer dann bei der Kontrolle im Zollhäuschen und wie von Zauberhand wurden unsere Koffer nicht angerührt. Trotzdem ging das ganze natürlich nicht ohne das obligatorische russische Gebrüll und den hektischen Gesten vonstatten. Neben einer Sonderkontrolle für einen jüdischen Mitreisenden verlief der Rest dann recht unspektakulär, außer, dass man für die Kontrolle unserer Reisepässe rund zwei Stunden gebraucht hatte. Die Spitze gegen den arabisch aussehenden, jüdischen Mitreisenden blieb leider nicht die einzige. So wurde ihm offenkundig gezeigt, dass für ihn eigentlich kein Platz wäre und er wurde zweimal grundlos vom Busfahrer angeschnauzt und musste sich einen anderen Platz suchen. Zu der durchgehend schlechten Laune des einen Busfahrers kam erschwerend hinzu, dass beide Fahrer kein Deutsch und nicht mal einmal einen Brocken Englisch verstanden. Fragte man sie beispielsweise beim Ausfüllen der Immigration-Card an der Grenze etwas, drehten sie sich einfach weg, sobald sie merkten, dass man nur Englisch konnte und kein Russisch. Doch weiterhin passierten auch lustige Dinge. Eine nette Frau wollte mir zeigen, dass man sein Geld unbedingt im Gepäck verteilen müsse und zeigte mir kurzerhand ihre Brüste, zwischen denen sie die Scheine gesteckt hatte. Des Weiteren erfragte sie die Telefonnummer eines ukrainischen Mädchens, welches ich unbedingt heiraten sollte - nach zwei Stunden Debatte war das dann irgendwie nicht mehr lustig … Auch wurde ich einmal wach und wunderte mich, dass meine Beine so kalt waren, als man sich schon dafür entschuldigte, dass man eine Flasche Wodka auf meinen Beinen ausgeschüttet hatte. Wie man mir versicherte, wäre das aber überhaupt kein Problem.
Hinter der Grenze schien es dann so, als befände man sich auf einem kaum bewohnten Planeten, gepaart mit einer Zeitreise in die Vergangenheit. Hunderte Kilometer sahen wir kaum ein Auto, und wenn eines vorbeifuhr, so war es meist ein Modell aus alten Sowjetzeiten mit faustgroßen Rostlöchern und pechschwarzem Rauch, der aus den Abgasrohren entwich. Auch die sehr vereinzelt auftretenden Kreisstädte schienen in ihrer Entwicklung vor 30 Jahren stehengeblieben zu sein. Einmal überholten wir eine Lastkutsche und die Straßenränder bevölkerten Hühner, Gänse, Kühe und Pferde. Zwischen den Städten konnten wir dann die Landschaft bewundern, welche man in dieser Form in Deutschland lange sucht und nicht findet. Unkultivierte Wälder und unberührte Natur im Westen der Ukraine, freilaufende Füchse, Hunde und Pferde am Straßenrand und zwischendurch mal ein altes Bauernhaus. Grotesk wirkten dann die alten Propaganda-Mosaike an den Bushaltestellen aus Sowjet-Zeiten. Aus dieser Zeit schienen übrigens auch noch die Straßen zu sein. Im Allgemeinen sehr breite Straßen und riesige Kreuzungen, geschaffen für Panzer und andere Militärfahrzeuge, wie mir ein Ukrainer erklärte. Nur hat man es hier mit der Wartung nicht so. Da passiert es dann, dass eine Baustelle den Winter über vergessen wurde und die Straße nun seit über vier Jahren mit abgefrästem Asphalt vor sich hinvegetiert. Scheinbar befindet sich momentan die gesamte Ukraine im Umbau, denn eigentlich wurde überall gebaut - jedenfalls ließen die alten Maschinen Baujahr < 1980 darauf schließen. Auch dazu äußerte sich der Ukrainer und meinte, solange sich die Sorgfalt der Baubehörden bei der Arbeit nicht ändere, werde in den nächsten 50 Jahren wohl keine der zahlreichen Versuche, die Straßenqualität wieder zu steigern, erfolgreich enden. Stattdessen werden wohl weiter neue Baustellen eröffnet und diese dann nach zwei Jahren einfach „vergessen".
Am Montag, 06.09.2010 um 20:30 Uhr (mit einer Stunde Zeitverschiebung) kamen wir nach 24 Stunden Fahrt mehr oder weniger pünktlich an. Geplante Ankunftszeit war eigentlich 17:00 Uhr, doch aufgrund der Verspätung in Deutschland und der Wartezeit an der Grenze und bei einem Unfall in Polen verschob sich das alles ein wenig. Eigentlich nicht weiter schlimm, doch die SMS, die Ronny an unseren Fahrer geschickt hatte - dieser sollte nicht unnötig lange warten und uns um 21:00 Uhr erst an der Bushaltestelle abholen - kam nie an, sodass dieser schon 17:30 am Busbahnhof in Kiew stand und 21:00 Uhr natürlich nicht mehr da war. Also mussten wir uns um Ersatz kümmern. Das allgemeine Taxi fiel aus, da man uns nicht mitnahm, sobald man bemerkte, dass wir kein Russisch sprachen : „nur russki!". Also wandten wir uns an das Sicherheitspersonal und dieses war so freundlich und organisierte uns ein privates Taxi. Das funktionierte dann reibungslos und wir waren dank Durchschnittsgeschwindigkeit von 100km/h, einem Sicherheitsabstand von mindestens drei Zentimetern und einigen „völlig normalen" Regelverstößen - rote Ampeln werden sowieso überbewertet - sehr schnell in unserem Appartement. Das ist wirklich sehr schön eingerichtet und schien auch sehr sicher. Dafür sorgten ein riesiges Gitter zum Hof, ein mechanischer Code am Hauseingang, ein Metallrahmen an unserer verstärkt gesicherten Tür mit zwei separaten Sicherheitsschlössern, sowie die zweite, sich gleich dahinter befindende Tür mit einem dritten Sicherheitsschloss - von ABUS natürlich! Nette Einkaufsgegend
Nachtrag: Unser Highspeed-Internet hat übrigens nur eine Geschwindigkeit von 8 kByte pro Sekunde. Das geplante Hochladen von vielen Fotos und Videos entfältt amit leider ...
Gruß MH
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