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Palmsonntag, 1.4.12, 11.15 h Baptist Church Amsterdam/86th
Zufällig kam ich auf dem Weg von der Redeemer Presbyterian Church nach Hause zu Nora an einer der vielen Baptist Churches vorbei. Ein „usher" stand draussen und lud mich mit einer Geste ein einzutreten. Ich überlegte nicht viel, stieg die Treppe zur Empore hinauf und setzte mich auf eine alte Holzbank, die mit weichen roten Kissen belegt war. Schon bequemer! Und gleich ging's los:
Setting: Eine alte Kirche mit farbigen Scheiben, neogotisch, vermutlich zweite Hälfte 19. Jh., ein bisschen dunkel, aber angenehm. Ein bisschen ein Regressionsort. Die Kirche war fast voll, ich schätze so 400 Personen. 90 % Schwarze. Der Rest Weisse. Keine Asiaten. 12köpfiger Gospelchor, kleine Band (3 Mann). Grosses Mischpult auf der Empore. Die Leitung des GD hatten drei schwarze Theologen/Prediger, alle jenseits der 40. Wer zum ersten Mal da ist, soll aufstehen (ich gehöre auch dazu), der GD-Leiter und die Leute rund herum begrüssen einen freundlich. In den Mitteilungen, die am Anfang kommen, wird zu einem Männerabend mit Znacht eingeladen. Die Gemeinde klatscht. Bei der Ankündigung der Kollekte wird erklärt, warum wir geben: nicht weil wir müssen, weil wir sonst verflucht wären, sondern weil es uns gut geht und wir aus Dankbarkeit und Liebe etwas weiter geben möchten.
Musik: Die Band macht tolle Musik. Das Kollektenlied wird von ihr begleitet und vorn auf die Leinwand wird der Text projiziert. Als das Lied fertig ist, geht die Leinwand hoch - und dahinter wird der 12köpfige Chor sichtbar, der gleich anfängt zu singen. Tolle Musik, super Stimmung. Der Ueberraschungseffekt ist gelungen. Die Gemeinde klatscht mit, der ganze Raum rockt. Das geht so sicher fast eine halbe Stunde.
Liturgie: Auffällig ist, das im Anschluss an die Predigt und vor dem Abendmahl einige Freiwillige vorne stehen, die zur Verfügung stehen, um mit Gemeindegliedern zu beten. Das sehen zwar alle, trotzdem ist es quasi privat, da man nichts mitbekommt. Die Musik spielt, der Chor singt, die Paare reden vorne miteinander und halten sich an den Händen. Schön. Gleichzeitig ist das die Vorbereitung zum Abendmahl. Ich bekomme kein Brot ab, aber meine Banknachbarin bemerkt es und teilt ihr Brot mit mir. Wie vorhin schon eine andere Frau ihre Bibel mit mir geteilt hat für die Lesung. Auch hier: Die Einsetzungsworte werden nach der Verteilung gesprochen, so können alle, auch die AM-Helfer und Helferinnen das Brot gemeinsam nehmen und auch den Becher leeren.
Predigt: Das ist der erste Prediger, den ich mit dem Tablet predigen sehe! Aber warum auch nicht? Es geht um die Heilung des Bartimäus, ein Text, den ich mit den Katechetinnen schon so oft behandelt habe. Heute wird er mir neu eröffnet. Die Predigt ist super. Kernaussage: Nicht aufhören, nach Gott zu schreien. Er wird es hören und ich werde sehen. Eigentlich ziemlich schlicht. Aber nach allen Seiten ausgelegt, verständlich und doch immer wieder überraschende Perspektiven. „Die Menge" will Bartimäus vom Schreien abhalten - die Menge kann nicht für mich entscheiden, kann mir nicht sagen, wie ich leben und wie ich Gott begegnen soll. Ich muss das selber tun, selber verant-worten, Gott selber begegnen, mir von ihm helfen lassen. Die „anderen" sind nicht immer empathisch. Nur ich selber weiss letztlich, was ich von Gott brauche. Bartimäus nutzt seine Chance. Manchmal müssen noch Hindernisse zur Seite geräumt werden (Mk 2, Mk 5), manchmal braucht es mehr als einen Schrei, aber wie Bartimäus dürfen wir auf unser Wunder hoffen. Jede, jeder auf seines/ihres! Das kann für andere manchmal lästig sein (die lästige Witwe und der entnervte Richter). Glauben heisst, glauben, dass Gott nicht zu beschäftigt ist, um dich letztlich zu hören.Und wenn du dann an der Reihe bist und gefragt wirst, was du willst, dann sag wie Bartimäus: I want to see! Tosender Applaus.!
Das anschliessende Gebet nimmt den Predigtgedanken nochmals schön auf und „Wunder" und „sehen" wird miteinander verwoben.
Beim Ausgang bekomme ich ein Palmblatt. Und gehe mit dem Palmblatt nach Hause, wie Hunderte andere auf der Strasse mit ihren Palmblättern. Beim Vorbeigehen an der katholischen Kirche an der nächsten Strassenecke reicht mit der Franziskaner, der draussen steht, die Hand und wünscht mir einen schönen Sonntag. Den hat man so!
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